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Mittwoch, 24. November 2010

Die Brüder im Norden

Nur die Kampfflugzeuge am abendlichen Horizont und die Soldaten in Uniform, die einem fast täglich irgendwo über den Weg laufen, erinnerten mich bis jetzt daran, dass mein Auslandssemester in einem Land stattfindet, das sich im Kriegszustand befindet. Gestern allerdings wurde mir die politische Situation Koreas mehr denn je bewusst.

Die Fahrstuhltür öffnet sich. Seungyong und ich betreten ein Cafe im 6. Stock. Wir sind in Hongdae, dem Künstler- und Partyviertel Seouls. Zuvor hatten wir in einem Restaurant Grillfleisch gegessen und waren durch die Straßen geschlendert. Jetzt treffen wir Seungyongs Freundin, die gerade Kaffee mit einer Bekannten trinkt. Das Cafe ist extravagant eingerichtet. Die Fenster sind riesig und haben individuelle Formen; man hat einen guten Blick auf die Stadt, in der die Sonne bereits untergegangen ist. Wir setzen uns unter eine überdimensionale Papierlampe neben die Mädels in bequeme Sessel und bestellen unseren Kaffee. Nach dem üblichen Smalltalk auf Konglish fragt Seungyong die Damen, ob sie Neues vom Angriff wüssten. Welcher Angriff? Sie wussten von nichts.

Seungyong erklärt, was er mir bereits erzählt hatte: Nach einem südkoreanischen Militärmanöver auf See, dicht an der nordkoreanischen Grenze, wurde am Nachmittag von Nordkorea aus eine südkoreanische Insel bombardiert.
Auf dem Weg zum Cafe waren wir vor einem Fernseher im Schaufenster stehen geblieben und hatten viele dicke Nebelschwaden von einer kleinen Insel aufsteigen sehen. Telefon und Internet funktionieren dort nicht mehr. Man weiß von 2 Toten und mehreren Verletzten.
Die Mädels sind geschockt. Schon wieder. Und dieses Mal so heftig.
Im letzten Frühjahr war ein südkoreanisches U-Boot versenkt worden. Damals – ich war ja noch Deutschland – nahmen meine koreanische Freunde den Vorfall mit Bedauern wahr, blieben aber viel gelassener als die Journalisten internationaler Medien: das passiert halt immer wieder.
Dieses Mal, betonten alle, ist es anders als sonst. Während der U-Boot Vorfall immer noch nicht einwandfrei aufgeklärt ist, war dies ein offener Angriff ohne jeden Grund.
Ja, man sei dicht an Nordkorea herangefahren, hätte aber weder die Grenze überschritten noch die Schussübungen Richtung Norden abgefeuert. Nordkorea spricht von Verteidigung.

Inzwischen hat Seungyong eine kleine Fernsehantenne an seinem Handy ausgeklappt und einen Nachrichtensender angeschaltet. Alle atmen auf. Die Lage scheint sich zu beruhigen. Die südkoreanische Regierung wolle sich nicht provozieren lassen und bemühe sich um Deeskalation. Nordkorea habe inzwischen verlautet, sie hofften auf bessere Kommunikation in der Zukunft und forderten mehr humanitäre Hilfe für ihre Bevölkerung.

Einer der zwei getöteten Soldaten war Student an meiner Uni gewesen. Er hatte eigentlich einen Tag zuvor Dienstende gehabt, konnte aber wegen schlechten Wetters die Insel nicht verlassen. Seine Abreise nach Hause wurde also auf den nächsten Tag verschoben; den Tag, an dem die Insel nordkoreanischen Bombenhagel aushalten sollte. Das kling wie aus einem schlechten Film und ist leider Wirklichkeit.

Angesichts solcher Nachrichten ist es nachvollziehbar, dass viele junge Koreaner kein Interesse an einer Wiedervereinigung haben. Für sie ist Nordkorea seit Geburt schon immer ein fremdes Land gewesen. Wegen diesem Land müssen alle Männer 2 Jahre zum Wehrdienst und noch lange danach einmal jährlich in Soldatenmontur zum Militärtraining erscheinen. Wegen diesem fremden Land sterben jedes Jahr Menschen; Familienmitglieder, Freunde, Kollegen.
Ich habe mich hier schon oft über den Konflikt unterhalten. Es gibt so viele unterschiedliche Meinungen wie Menschen. Manche hoffen schon noch irgendwie auf eine Wiedervereinigung, anderen ist es egal, wieder andere wünschen allen Nordkoreanern die Pest an den Hals. Angst im Alltag hat hier aber niemand. Manche nennen es eine Volkskrankheit: man ist zwar permanent im Krieg, hat aber die Fähigkeit verloren das wahrzunehmen. Wie sollte man auch sonst leben können.

Als ich im Sommer die Fußballweltmeisterschaft verfolgte, überraschte mich die Aussage eines südkoreanischen Journalisten, als er gefragt wurde, ob er sich die Spiele von Nordkorea anschaue. Er antwortete: „Die politische Situation unserer Länder ist so angespannt, wie lange nicht mehr. Aber natürlich sehe ich die Spiele Nordkoreas und feuere die Mannschaft an. Das sind doch unsere Brüder aus dem Norden.“

Auch ich halte eine Wiedervereinigung Koreas für immer unwahrscheinlicher. Zu verfahren erscheint der politische Konflikt. Zu tief sind auch die emotionalen Verletzungen, die mit jedem Todesopfer tiefer werden.
Trotzdem sind vielleicht gerade die Deutschen Menschen, die nicht aufhören können auf eine Wende zu hoffen. Sicher, der Koreakonflikt ist scheinbar von anderem Kaliber als die deutsche Vergangenheit mit der DDR. Aber auch meine Eltern erzählen, für wie unmöglich sie ein vereinigtes Deutschland gehalten hatten und wie sehr sie noch heute staunen, dass das möglich wurde. Es gibt kein Patenrezept und Schönwettersprüche aus dem Poesiealbum helfen niemandem. Aber gerade als Deutscher kann ich letztendlich doch nicht aufhören zu hoffen.
Ich habe mich gefreut, als ich mitten in Seoul auf drei originale Teile der Berliner Mauer stieß. Vor ihnen auf dem Boden, ist ein Grußwort der Stadt Berlin eingraviert.

Nochmal deutlich, falls sich jemand Sorgen macht: mir geht es gut und ich fühle mich sicher.

Dieses Mal gibt’s keinen spannenden Musikclip, aber dafür ein extrem schmalziges Lied, das mir in einem Café in Incheon aufgefallen ist: eine typische koreanische Ballade mit leichtem Weihnachtstouch. Es ist nicht gerade neu, aber irgendwie gefällt es mir und der Titel passt zum Jetzt: „ich warte“. In Deutschland beginnt der Advent und man wartet auf Weihnachten. In Korea wartet man auf Frieden.




Liebe Grüße,
Jonathan

Sonntag, 10. Oktober 2010

Über das eine Drittel und andere

In Deutschland hat man das Gefühl, der Sommer schraubt sich mit Macht in die Höhe, bis er zusammenklappt. Plötzlich ist es ungemütlich, nass und kalt. Wir nennen es Herbst. Wir sind dankbar, wenn der Herbst den Platz des Sommers einnimmt und uns ein paar strahlende Tage mit klarer Luft und rot-gelb leuchtenden Bäumen schenkt. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass nun jemand anders das Feld übernehmen wird: der Winter. Das Jahr geht zuneige. Das Wetter wird unablässig ungemütlicher.

In Korea scheint ab irgendeinem Punkt die Jahresuhr rückwärts zu laufen. Als ich in Incheon landete, schlug mir nass-heiße Luft entgegen. Wie in den Tropen. Um Chuseok (Erntedankfest) herum regnete es sehr stark. Die Flüsse traten über die Ufer. Viele Straßen waren zeitweilig überschwemmt. Als der Regen aufhörte war die Luft plötzlich frisch und klar. Die Nächte sind jetzt kalt, aber tagsüber in der Sonne ist es richtig warm. Perfektes Wetter. Richtig Frühlingshaft. Weder zu kalt, noch zu heiß. Nur ein paar Blätter beginnen sich rot zu färben und decken die Identität des Herbstes trotz der Frühlingsgefühle auf.
Ich mag beides. Den deutschen Herbst und den zweiten Frühling vor dem Winter in Korea.

Inzwischen habe ich hier zwei Kirchen besucht, die sehr unterschiedlich sind. Ich war sehr gespannt auf die koreanische Kirchenwelt. Ca. ein Drittel der Koreaner bezeichnet sich als religionslos, die anderen zwei Drittel nehmen das Christentum und der Buddhismus ein. Anders als in Deutschland sind Christen also nicht Anhänger der Standardreligion. Das hat zur Folge, dass man hier unglaublich viele Missionare trifft. Alte Leute, die Lautsprecher auf ihre Fahrräder klemmen, durch die Stadt fahren und laut Predigten abspielen; Frauen die Menschen in U-Bahn anquatschen und über Gott reden wollen; christliche Chöre in der Fußgängerzone und hübschen Mädchen, die Sonntags morgens vor unserem Wohnheim die Studenten zu Gottesdiensten einladen. Das ist so bemerkenswert, wie penetrant. Mehrere koreanische Freunde haben mir bereits in Deutschland erzählt, dass sie sich von den Christen in ihrem Land ziemlich unter Druck gesetzt und bevormundet fühlen. Ähnliche Erfahrungen kann man mit Sicherheit auch in Deutschland machen. Es menschelt überall.

Die erste Kirche, die ich kennenlernte, ist eine kleine eher traditionell-evangelische Kirche. Den Namen kann ich mir nicht merken. Es sind jeden Sonntag geschätzt 150 Leute im Gottesdienst. Meist werden amerikanische Choräle mit koreanischem Text gesungen. Alle Lieder leitet ein Dirigenten, der vorne steht und die Gemeinde führt. Begleitet wird der Gesang von einem Streicher-Trio und Klavier. Ein Vietnamese, der auf meinem Flur wohnt, hatte mich dorthin eingeladen. Er kennt die Gemeinde, weil er von Mädels vor unserem Wohnheim dorthin eingeladen wurde. Jeden Sonntag holt ihn nun jemand aus der Gemeinde mit dem Auto ab. Also fuhren wir zusammen zur Kirche. Was ich erst nach dem Gottesdienst erfuhr, wir würden erst spät Abends wieder zum Campus gebracht werden. Was wir den ganzen Tag in der Gemeinde sollten, verstand ich nicht ganz, aber dem Vietnamesen schien es so zu gefallen. Direkt nacht dem Gottesdienst gehen alle Jugendlichen in einen Raum, wo einer der Gemeindeältesten mit ihnen über die Predigt spricht. Man sing Lieder zusammen und erzählt, wie man Gott in der letzten Zeit erlebt hat. Es hat mich echt beeindruckt, dass alle so locker und interessiert dabei waren. Meine Aufmerksamkeit war nach dem zweistündigen Gottesdienst nur noch schwer zu halten. Allerdings ist es auch etwas anstrengender immer auf einen Übersetzer angewiesen zu sein. Auch die Kinder sind den ganzen Gottesdienst über bei den Erwachsenen und werden mit Bilderbüchern und Snacks bei Laune gehalten. Wir für die Jugendlichen, findet die Kinderstunde anscheinend erst nach dem Gottesdienst statt. Als der Jugendkreis nach ca. 45 Minuten zu ende war, gab es Mittagessen. Dann begann die lange Zeit des Wartens. Mein Mitbewohner erklärte mir später, dass es in vielen Gemeinden üblich sei, den ganzen Sonntag in der Kirche zu bleiben. Viele Musikgruppen üben dann, Leiterkreise nutzen die Zeit für Meetings. Wir jungen-Erwachsenen hingen eigentlich nur rum, guckten die Castingshow „Superstar K“ und suchten immer wieder nach neuen Gesprächsthemen. Der Vietnamese spricht schon sehr gut Koreanisch, aber kaum Englisch. Irgendwann schlief ich. Um sechs gab es dann Abendessen und um sieben einen Abendgottesdienst, der wieder für mich simultan gedolmetscht wurde. Die Leute sind wirklich herzlich, aber auf Dauer werde ich einen internationalen Gottesdienst besuchen. Beim Dolmetschen bekommt man doch eher nur die kalten Fakten der Predigt mit; das meiste, das Aufmerksamkeit weckt und Charme bringt geht verloren. Bei Gebeten und Liedern, in denen man nur die Worte Gott und Jesus versteht, fühlt man sich eher als Zuschauer und nicht wie ein Teilnehmer.

Heute war ich zum ersten Mal in einem internationalen Gottesdienst. Die Gemeinde ist ganz in der Nähe und heißt Sae Eden (Neues Eden). Das Gebäude ist 8-Stöckig, es gibt einen Büchertisch, mehrere Gottesdienstsäle, Bankautomaten, Sportpläze im Innenhof, Cafes und sogar ein „medical center“ (keine Ahnung, was sie mit Ihren Gemeindemitgliedern alles anstellen...). Die Gemeinde hat wohl an die 30 000 Mitglieder und ist eine presbytherianische Kirche. Um die genaue Uhrzeit des englischen Gottesdienstes zu erfahren, musste ich nur den Informationsschalter finden. Dort gaben mir drei Damen in pinken Uniformen die nötigen Informationen und riefen gleich eine Frau herbei, die gut englisch spricht. Sofort wurde meine Handynummer notiert, damit... ja warum eigentlich? Auch in der anderen Gemeinde wollte man sofort meine Nummer. [Ich habe schon zig-tausend Leute in meinem Telefonbuch. Die Namen reichen von „Mo Lotteworld“, über „Jol soccer int trade“ bis zu „same cellphone guy“ und „wie heißt sie“.] Aber zurück zum internationalen Gottesdienst. Dieser entpuppte sich eher als englischer Bibelkreis, aber hat mir trotzdem gut gefallen. Wir singen Lieder, die ich kenne und verstehe; die Predigt ist kurz und knackig. Die meisten sind Koreaner, die gerne Englisch sprechen, oder besser Englisch sprechen wollen. Ein Philippino ist dabei, das hat mich voll gefreut. Der Pastor ist sehr herzlich und kann sogar Deutsch, weil er einige Jahre in Tübingen studiert hat.

Mein Mitbewohner ist übrigens echt cool! Er ist ein Hyung – älterer Bruder – und wirklich unkompliziert. Er kann ordentlich Englisch, aber gibt nicht auf, Koreanisch mit mir zu reden. Dafür bin ich sehr dankbar. Mehr über ihn und über das Wohnheim, dass wirklich was von einem goldenen Käfig hat, erzähle ich vielleicht nächstes Mal.

Bevor ich schließe noch eine Ankündigung. Von nun an werde ich jedesmal ein koreanisches Lied vorstellen, dass mir hier begegnet. Ich beginne mit meinem Lieblingskünstler: Jangiha. Er hat einen ganz eigenen Style und tritt oft mit zwei Damen auf, die Sonnenbrillen tragen und niemals lächeln: Die Mimi Sisters. Man weiß nicht, wo sie herkommen. Manche munkeln, sie seien Japanerinnen. Im Refrain des Lieds, das ihr hier hören könnt, singt er: Der Mond wird voll. Lasst uns gehen. Viel Spaß:



Liebe Grüße,
euer Jonathan

Mittwoch, 22. September 2010

가 갸 거 겨 고 교 구 규 그 기

다 댜 더 ... 쮸 쯔 찌.
Damit fing mein Koreanischunterricht letzte Woche an. Weil ich im Anfängerkurs bin, lernten wir natürlich erstmal Lesen und Schreiben. Man fühlt sich echt ein bisschen wie in die erste Klasse versetzt. Klingt komisch, ist aber auch ganz nett. Der Kurs ist 5 mal die Woche von 9-13 Uhr. Nur, weil ich das koreanische Alphabet halt schon einigermaßen beherrsche, war manches sehr langweilig und anstrengend zu gleich. Die oben abgebildeten Zeichen sind eine Schreib- und Leseaufgabe. Man kombiniert der Reihe nach alle Konsonanten mit allen Vokalen. Das ergibt dann (in der Regel) keine Wörter sondern einfach nur theoretische Laute der Sprache. Wir mussten diese Tabelle x mal aufschreiben und alles im Chor aufsagen.
Meine Klasse besteht vor allem aus Chinesen, es sind aber auch Hongkongchinesen, Mongolen, jemand aus Bangladesch und einer aus Laos dabei. Die sind wirklich alle nett! Interessant ist, dass meine Klassenkameraden sofort wussten, wenn sie etwas nachsprechen sollten. Vermutlich hatte die Lehrerin irgendein Zeichen dazu gegeben. Wie aus der Pistole geschossen ahmten die asiatischen Schüler die Laute der Lehrerin laut und gelehrig nach. Die Lehrerin gibt alles im Unterricht. Sie ist ein bisschen älter, aber echt ganz cool und freundlich. Nur die Tatsache, dass sie fast kein Englisch spricht, macht mir in Hinblick auf komplizierte Grammatiken ein bisschen Sorgen (viele meiner asiatischen Klassenkameraden meinen allerdings, dass die Lehrerin aus rein didaktischen Gründen bewusst kaum Englisch redet...). Als erste Hausaufgabe mussten wir die Lautkombinationen 10 mal aufmalen. Das sind über 1000 Kombinationen. Plus 20 Vokabeln, die wir lernen und auch 10 mal notieren sollten. Ich habe diese Lauttabelle nur neun mal abgeschrieben. Die drei Sterne-Sticker für gutgemachte Hausaufgaben habe ich trotzdem bekommen.

Diese Woche feiern die Koreaner Chuseok, das Erntedankfest. Es ist der wichtigste Feiertag im Jahr. So voll und komplett, wie der Mond an diesem Tag ist, soll auch die Familie sein. Man kommt zusammen, feiert und gedenkt (je nach Religion mehr oder weniger intensiv) seiner Vorfahren. Wir haben also keinen Unterricht und ich war wieder jeden Tag in Seoul. Vergnügungspark Lotteworld (fast vollständig in einer riesigen Halle), Königspalast und Freunde treffen lautet das Kontrastprogramm. Manches mache ich mit anderen Austauschstudenten, anderes mit Koreanern und in Lotteworld waren wir mit einer gemischten Gruppe.

Lotte ist übrigens eine der vielen koreanischen Erfolgsmarken. Fast alles, was man sich vorstellen kann wird von dieser Firma vertrieben. Nahrungsmittel, Supermärkte, der Vergnügungspark, Wohnungen... Koreaner legen großen Wert auf Markenprodukte, ja auch bei Wohnungen. Das merkt man auch bei den Klamotten. Ich habe noch nie so viele Luis Vuitton Läden auf einem Haufen gesehen wie hier. Designerhandtaschen haben hier fast Eastpack-Charakter. Klar, sind in der U-Bahn sicher auch gute Fälschungen aus China dabei, aber die vielen Gucci-Boutiquen werden hier auch nicht einfach nur zur Deko rumstehen.
Die letzten Tage ist es hier deutlich kühler geworden. Trotzdem tragen viele Mädchen noch extrem kurze Röcke. Erstaunlich viele Jungs bevorzugen extrem enge Jeans. Wenn man in Korea von Skinny-Jeans spricht, dann sitzen diese Jeans sprichwörtlich wie eine zweite Haut; auch bei den Jungs. Dazu tragen sie dann Männer-Handtaschen; natürlich von Ralph Lauren.


Man lernt jetzt sehr schnell viele Leute kennen. Echt schade, dass ich nur ein halbes Jahr hier bin. Ich weiß jetzt schon, dass ich all den interessanten Menschen zeitlich und freundschaftstechnisch nicht gerecht werden kann. Über den Sprachkurs habe ich intensiven und täglichen Kontakt zu anderen Ausländern. Um nicht in der Parallelgesellschaft von Austauschstudenten zu versinken, achte ich darauf, auch immer wieder etwas mit Koreanern zu unternehmen. So bin ich irgendwie im Fußballclub der Uni gelandet. Es gibt unzählige Sport-, Hobby-, Musik-, Themen- und was-weiß-ich-nicht-alles Clubs an der Uni. Nächste Woche bin ich zum ersten Mal beim Fußballraining dabei. Die Mannschaftskameraden haben schon angekündigt extra für mich nach dem Training eine Begrüßungsparty steigen zu lassen. Mal gucken, ob sie sich nach der Chuseokwoche noch daran erinnern – oder ob sie nach dem Begutachten meiner Fußballfähigkeiten noch einen Grund zum Feiern haben...

Jetzt ist das Wetter wirklich schön! Frisch, aber nicht zu kalt, weil die Sonne scheint. Der Regen der letzten Tage ist vorbei. Nicht nur Koreaner, Asiaten allgemein scheinen immer einen Regenschirm dabei zu haben. Egal ob alt oder jung, Mann oder Frau. Sobald es zu tröpfeln anfängt, zücken alle ihren Schirm. Alle? Nicht ganz. Ein unbeugsamer Deutscher bevorzugt standhaft seine Kapuze. Allmählich wurde es aber wirklich nervig, immer erklären zu müssen, warum ich einen Regenschirm unpraktisch finde. Wenn ich die Vorteile einer Kapuze unterbreitete, wurde herzlich darüber gelacht und dann zog man mich unter den eigenen Regenschirm. Einmal kam sogar ein fremdes Mädel hinter mir her gerannt, als sie sah, dass ich im Regen nur mit Kapuze unterwegs war. Zu zweit unter einem kleinen Schirm zu laufen, ist fast so umständlich wie Dreibeinlaufen. Mädels kennenlernen hin oder her. Letztendlich habe ich aufgegeben und besitze inzwischen auch einen Regenschirm. Eigentlich brauche ich jetzt noch eine Handtasche, um ihn auch immer dabei haben zu können.

추석 잘 보내세요! Frohes Erntedankfest!

Jonathan

Montag, 6. September 2010

Das Riesenbaby (01.09.2010)

Schon ist die erste Woche rum. Weil ich noch nicht sofort ins Wohnheim konnte, wohnte ich die ersten Tage bei Seungyong. Er ist ein guter Freund von meinem besten koreanischen Kumpel in Mainz und ich hatte ihn während seines Europatrips im Juli schon kennengelernt. Seungyong hat eine kleine Wohnung mitten in Hongdae, dem angesagten Studenten-, Party- und Künstlerviertel. Dort wohnt der angehende Profigitarrist mit seiner sehr außergewöhnlichen Katze Dangkong (benimmt sich eher wie eine Mischung aus Mensch und Hund; ist außerdem ein richtiges Plappermaul). Das war wirklich super für den Start. Soviel schon mal zusammenfassend vorweg: Mir gefällt es wirklich gut hier.

Seoul ist riesig, laut, bunt und voll von Menschen. Alle sehen ganz anders aus als ich, sprechen eine mir noch recht fremde Sprache und beschriften alles mit schönen Zeichen, die ich leider nur im Erstklässlertempo entziffern kann. Viele Koreaner können zumindest ein bisschen Englisch, vermeiden es aber so weit es geht, ihre Fremdsprachenkenntnisse anzuwenden. So komme ich mir all zu oft vor wie ein Riesenbaby, das, stets freundlich bemüht, letztendlich doch überhaupt nicht peilt, was vor sich geht. Das fängt schon beim Smalltalk an, geht beim Essen mit Stäbchen weiter und hört beim Bus- und U-Bahnfahren noch längst nicht auf. Ja, Seoul kommt mir vor, wie ein fremder Planet. Überall brauche ich Hilfe.

Seungyong hat mich total gastfreundlich, fast väterlich unter seine Fittiche genommen. Mit ihm habe ich vor allem Hongdae erkundet und die zahlreichen, kreativen Cafés, Bars und Restaurants besucht. In dem Café, in dem er mal ein paar Monate gejobbt hatte, bekam ich auch alleine selbstverständlich 50% Rabatt auf alles und manchmal den Kaffee sogar umsonst. Da er ein eigenes Auto hat, lud Seungyong mich ein, zum Haus seiner Eltern zu fahren, um das Leben abseits der Hauptstadtmetropole kennenzulernen. Cooler Weise besitzt sein Vater eine Pension direkt am Meer der Westküste Koreas. Bei Aprilwetter bestaunte ich die schöne Küstenlandschaft mit ihren Sandstränden, Kiefernwäldern und aus dem Meer ragenden Felsen. Hatte teilweise echt was von Skandinavien.

In dieser ersten Woche habe ich im Grunde jeden Tag Leute um mich gehabt, die ich schon aus Deutschland kannte. Einige hatte ich länger nicht gesehen, andere hatten Mainz nur ein paar Tage vor mir verlassen. Zufälligerweise ist zur Zeit auch Boris, ein Freund aus dem Koreanischsprachkurs, in Seoul zu besuch. Von daher war das Riesenbaby immer bestens unterhalten und fühlte sich auf dem fremden Planeten doch auch irgendwie heimisch. Das änderte sich allerdings Sonntag, als ich nach Jugjeon auf den Campus meiner Uni zog.

Bye bye Seoul, hallo Jugjeon. Jugjeon gehört im sprichwörtlich weiten Sinne noch zum Einzugsgebiet Seouls, ist aber nicht mehr Seoul. Noch vor vier Jahren lag die Dankook Universität im Herzen Seouls. Als die Uni aufgrund hoher Schulden kurz vor der Schließung stand, verkaufte sie ihre Immobilien und Grundstücke in der Stadt. Die Uni machte damit offenbar so viel Geld, dass sie ihre Schulden tilgen und einen komplett neuen Campus in Jugjeon aus dem Boden stampfen konnte. Der Campus liegt umsäumt von Wäldern auf einem Berg. Ist schön, aber anstrengend, weil man permanent bergauf oder bergab läuft. Mein Studentenwohnheim liegt natürlich ganz oben, im hintersten Eck auf dem Berg. Völlig abgeschnitten von der Außenwelt bin ich dann aber doch nicht. Im „Tal“ direkt vor dem Campus gibt viele Ess- und Trinkmöglichkeiten. Ein kostenloser Shuttlebus bringt die Studenten den ganzen Tag über zur nächsten U-Bahnstation und einem großen Supermarkt. Außerdem dauert es mit einem Expressbus nur ca. 40 Minuten bis in die Innenstadt Seouls; wenn der Verkehr mitspielt. Hier auf dem Campus bin ich jetzt jedenfalls wirklich auf mich allein gestellt. Das Riesenbaby muss laufen und sprechen lernen.

Auch an der Uni vermeiden es die meisten Studenten – jedenfalls die, die ich bis jetzt getroffen habe – Englisch zu reden. Ist fürs Koreanischlernen super. Erleichtert den Start dazu allerdings nicht wirklich. Am ersten Abend im Wohnheim suchte ich irgendjemanden, um zu erfahren, wie man sich hier ins Internet einwählt. Blickkontakt funktionierte nicht. Glücklicherweise sah ich durch eine Glaswand einen jungen Studenten in der Mensa, der eine DFB-Shorts trug. Na, wenn das nicht der richtige Ansprechpartner für einen deutschen Austauschstudenten ist. Schon durch die Glastür bemerkte er unruhig, dass ich ihn ins Visier genommen hatte. Er hielt sich ungewöhnlich lange damit auf, das dreckige Geschirr wegzustellen und nochmal Wasser zu trinken. Aber ich ließ mein Opfer nicht mehr aus den Augen. Schließlich hatte er keine andere Möglichkeit mehr, als die Mensa durch die Glastür zu verlassen – und damit auf mich zu zugehen. Mit einem freundlichen „Annyonghaseyo“ ließ ich ihn zusammenschrecken. In gebrochenem Koreanisch erklärte ich ihm: „Ich bin Deutscher. Ich mag deine Hose.“ Er taute merklich auf und antwortete lachend: „Yes, I like the german national soccer team.“ „Aha! Du sprichst also Englisch!“ „Oh, nein, nein! Nur ein ganz ganz kleines Bisschen!“ „Egal, ich glaube du kannst mir helfen.“ Und das konnte er tatsächlich. Am Ende des Gesprächs wusste ich, wo ich das Netzwerkkabel fürs Internet bekommen konnte, hatte seine Handynummer für weitere Hilferufe und er nannte mich vertrauensvoll „Hyung“, älterer Bruder.

Ich wollte noch viel mehr schreiben, aber ich denke, es reicht für heute. Während ich im Bett liege und diesen Eintrag verfasse, donnert es so krass laut, dass ich für Augenblicke überlegte, ob Nordkorea vielleicht die Nerven verloren habe. Inzwischen ist es angenehm kühl geworden. Unangenehm laut zirpen die Millionen Grillen vor meinem Fenster. Noch ist das Bett neben mir leer, aber ein Mitbewohner soll in den nächsten Tagen hier einziehen und das Zimmer mit mir teilen. Vom noch unbekannten Mitbewohner, den zwei Chinesen, der netten Studentin (der ich im Supermarkt hinterherlaufen durfte) und den Hightechschlössern an koreanischen Zimmertüren erzähle ich vielleicht nächstes Mal.

Bis dahin, liebe Grüße,
euer Jonathan.